Schlüssel-Erlebnis


Von Grit Skriewe-Schellenberg

Leicht gezückt ist er nicht, der rostige Sicherheitsschlüssel. Mit stolzen 18 cm Länge passt er auch nicht einfach mal in die Hosentasche. Er hat Gewicht. Sein Bart erzählt von einem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Wer diesen Schlüssel hatte, der hatte die Macht etwas Besonderes aufzuschließen.
Riesig liegt er in den Händen der Gruppe aus der Freien Alternativschule Dresden. Alle zwei Jahre macht eine 5. Klasse auf dem Ökumenischen Pilgerweg Rast in Zeithain, kocht, übernachtet und besucht vor dem Aufbruch am nächsten Tag die Dorfkirche. Heute ist es wieder so weit und ich nehme mir Zeit für sie. Die Kinder reichen den schweren Schlüssel herum, betrachten ihn genau. Sie stellen fest: Da, am Kopf, ist er gerissen. Da hat aber einer viel Kraft und wenig Geduld gehabt, sagt ein Junge und schmunzelt. Dann stelle ich die Aufgabe: Schaut, wo er passt! Kinderaugen suchen. Einige Schlösser gibt es in unserer Kirche. Die Kinder laufen durch den Raum, über die Emporen, schauen in jeden Winkel, geben den Schlüssel einander weiter, probieren, helfen sich gegenseitig, wenn er sich festgeklemmt hat. Nach einer Weile haben sie es herausgefunden: Er passt in die Sakristeitür am Chorraum.
Die Tür, in der er steckt, ist gedrungen. Sie läuft nach oben spitz zu, ist aus festem Eichenholz und zusätzlich sorgfältig mit Blech beschlagen. Viele dicke Nägel stecken im Holz. Es ist eine gotische Tür. Ihr Schloss ist beeindruckend. Viele Bolzen und Federn werden beim Schließen aktiviert. Bis der Schlüssel stockt. Er schließt nicht mehr vollständig. Schade. Kinderhände streichen über das Metall und den Schließmechanismus.
Die sollte keiner so leicht aufbekommen. Die hat etwas beschützt, das wichtig war, sagen die Kinder und schubsen die Tür an. Sie bewegt sich träge und quietscht dabei.
Was hat sie gesagt, fragt ein Junge. Vielleicht, dass sie älter ist als andere in dieser Kirche, sage ich. Wahrscheinlich auch, dass sie früher eine Außentür gewesen ist - in einer Kirche vor dieser Kirche. Viele Häuser im Dorf waren damals als sie eingebaut worden war, noch strohgedeckt. Eines Tages zog ein Gewitter übers Dorf, ein Blitz schlug irgendwo ein, viele Häuser im Dorf brannten. Jede Hand wurde zum Löschen gebraucht. So brannte damals auch die Kirche ab. Nur der Chorraum und das halbe Kirchenschiff blieben übrig – und auch die Tür blieb erhalten. Das war vor über 400 Jahren.
Ein Mädchen nimmt staunend den Schlüssel wieder aus der Tür. Sie bewegt sich dabei und quietscht wieder. Die Kinder lachen. Vielleicht, sage ich, hat sie jetzt von dem ausgemusterten Schnitzaltar erzählt. Der stand nur wenige Meter von ihr entfernt. Vor zwei Jahren sind Figuren dieses Altars aus dem Besitz einer Privatsammlung versteigert worden. Aber wir haben den Zuschlag nicht erhalten und konnten sie nicht zurückbekommen.
Die Kirche sah früher also ganz anders aus, überlegt ein Mädchen laut. Ja, sage ich. Wenn die Dorfbewohner  ihre Kirche nutzen, werden auch Dinge ausgetauscht, hinzugefügt oder repariert. Menschen wollen ihren Glauben mit den Möglichkeiten und im Geschmack ihrer Zeit ausdrücken. Oder es ereignet sich etwas Schwerwiegendes. Das kann man auch sehen. Diese Kirche hatte zum Beispiel vor 70 Jahren bunte Fenster. Als nach dem Krieg 1945 eine Munitionsfabrik am Dorfrand gesprengt wurde, sind viele  Fenster kaputt gegangen. Schlichte klare Scheiben wurden eingesetzt. Nun ist es hier drinnen sehr hell. – Das hat mir gleich gefallen, ruft ein Mädchen.
Plötzlich haben die Kinder noch viele andere Fragen: zu dem dicken Ritter gleich neben dem Altar zum Beispiel. Einen Fuß vorgestellt, die Hände gefaltet und in voller Rüstung und mit Perücke steht er selbstbewusst mit Blick auf das Altarkreuz da. Seinen Helm hat er abgelegt. Die Kinder beschreiben mir, was sie sehen: viele Wappen, die Pilgermuschel, eine Figur mit einem Kind auf dem Arm, eine andere mit einem Kreuz und eine dritte mit einem Anker. Ich erzähle von dem Ritter Christoph Heinrich von Schleinitz. Dieser Mann hatte umfangreichen Besitz und viel Verantwortung. Aber er hat auch zwei seiner insgesamt drei Ehefrauen und 14 seiner 16 Kinder beerdigen müssen, bevor er selbst mit 75 Jahren gestorben ist. – So sind die Kinder der Alternativschule und ich uns rasch einig: seine stolze Haltung und die Figuren auf seinem Denkmal wollen wahrscheinlich sagen: Danke Gott, ich hatte ein erfülltes Leben. Denn ich habe geliebt und Liebe erfahren. Ich habe Sinnvolles machen können. Und ich hoffe, jetzt kehre ich am Ende wie meine Familie bei dir ein.
So hat der alte Schlüssel uns ins Gespräch gebracht. Das Schloss, zu dem er gehört, bewegt er nicht mehr. Aber die Geschichte unserer Dorfkirche kann er aufschließen und die Herzen von Menschen, die sich darauf einlassen.
Wir verlassen die Kirche wieder. Bei der Umgestaltung des  Friedhofes 2005/06 ist vor der Kirche ein kleiner Platz mit Blick auf den Dorfteich entstanden. Ich rege ein Lied an zu dem ich Tanzschritte kenne. Die Kinder sind sofort bei der Sache und so gehen wir tanzend auseinander mit dem gegenseitigen Wunsch „Wir wünschen Frieden euch allen, Frieden aller Welt.“
Grit Skriewe-Schellenberg, Pfarrerin im Kirchspiel Zeithain