Schatz im Bauschutt gefunden

Von Christoph Rechenberg

Bei einer solchen Nachricht werden wir hellhörig. Einen Schatz würden wir gern finden und dabei denken wir meist an Silber oder Gold. Hier handelt es sich um einen anderen Schatz. Vor 190 Jahren hat der Fürst Heinrich LXIII. Reuß  j. L. Köstritz diesen Schatz, der in einem Abrisshaus in Lübeck gefunden worden ist, erworben. Er wusste um den besonderen Wert der damals gefundenen Bibel. Die Familie der Klipphausener Schloss- und Patronatsherrschaft hat diesen Schatz bewahrt und gepflegt. 1939 zum 200. Kirchenjubiläum haben die beiden letzten reußischen Prinzessinnen dieses wertvolle Buch der St.-Batholomäuskirche Röhrsdorf geschenkt. Mit Blick auf das Reformationsjubiläum wurde diese seltene Bibelausgabe mittels Spenden umfassend restauriert. Am 20. August 2017 um 16.00 Uhr wird im Rahmen einer Festveranstaltung in der Röhrsdorfer Kirche aus diesem originalen Zeitdokument der Reformationsgeschichte gelesen. Die Besonderheiten sind zum Einen, dass die „Lübecker Bibel“ auch „Bugenhagenbibel“ genannt in plattdeutscher Sprache verfasst ist. Der Bibeltext wurde von Johannes Bugenhagen, dem Freund und Seelsorger Luthers, vom Oberdeutschen ins Niederdeutsche übertragen. Zum Anderen nennt man diese Bibelausgabe von 1533 auch „Das Ei gelegt noch vor der Henne“ weil es Bugenhagen und dem Lübecker Drucker gelungen ist, diese erste vollständige Luther-Bibelausgabe ein halbes Jahr vor der in Wittenberg von Hans Luft 1534 gedruckten oberdeutschen (hochdeutschen) Gesamtausgabe auf den Buchmarkt zu bringen. Mit der Reformation begann eine Bildungsoffensive, die alle Zweige der Wissenschaften erfasst,  wie nie zuvor. Die Grundlage dafür war eine umfassende Schulbildung auf der Basis einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Der Reformator Philipp Melanchthon wird wegen seiner Bemühungen um das Schulwesen und die Schulbildung deshalb „Lehrer Deutschlands“ genannt. In allen Städten und Dörfern entstanden Schulen, jeder sollte lesen können. Die neuen Erkenntnisse der Reformatoren wurden durch den Buchdruck sehr schnell verbreitet. Die Bibel war über Jahrhunderte das allgemein gebräuchliche Lesebuch in der Schule. Damit aber die Menschen die Bibel lesen und verstehen konnten, wurde sie auch in andere  gebräuchliche Sprachen veröffentlicht. So übertrug Bugenhagen, auch „Pommeranus“ genannt, als Reformator Pommerns und Skandinaviens die Bibelübersetzung Luthers und andere Schriften in das im Norden gesprochene Niederdeutsche. Diese Bibelausgabe ist also ein Produkt der großen Dynamik und Schnelligkeit der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kommen Sie doch am 20. August nach Röhrsdorf und schauen Sie in ein Originaldokument der Reformation. Pfarrerin Ute Eisenack aus Neuruppin liest Plattdeutsch, Georg Prinz zur Lippe und die sächsische Weinkönigin Friederike Wachtel lesen die Bibeltexte aus der neuesten Ausgabe der Lutherbibel von 2017. Der Kirchen- und der Posaunenchor gestalten das Programm, an das sich ein kleiner Imbiss anschließt, musikalisch aus.

Christoph Rechenberg ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Röhrsdorf